Tödliche Theorien

Dass es in unserem Buch Ökonomen geht, die sich nicht einig sind, wäre ziemlich untertrieben. Es geht um Leben oder Tod, weil einige von ihnen ganz sicher sind, dass sie Recht haben und die anderen nicht. Und weil sie glauben, dass das enorm wichtig ist. In einem solchen Umfeld lässt sich akademischer Streit nicht mit Daten und Argumenten lösen. Er gleicht dann eher einer kopflosen Verfolgungsjagd. Ökonomische Debatten, die zu mörderischem Streit werden, das schien uns Stoff für einen Roman zu sein.

Auch wenn wir uns das meiste in diesem Buch ausgedacht haben: Ökonomen sind sich wirklich nicht gerade einig. Woran liegt das? Kann man überholte Theorien nicht einfach zu Grabe tragen? Unter der etwas reißerischen Überschrift „Wissen hält nicht länger als Fisch“ präsentierte DIE ZEIT kürzlich Beispiele dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse „nur so lange [gelten], bis man es besser weiß“. 25 Irrtümer werden aufgezählt, von „Peak Oil steht unmittelbar bevor“ über „Eier treiben durch ihr Cholesterin das Infarktrisiko in die Höhe“ und „Die Laotische Felsenratte ist ausgestorben“ bis hin zu „Das All dehnt sich immer langsamer aus – und kommt dann zur Ruhe“.

Aber ökonomische Theorien kommen in dem ZEIT-Artikel nicht vor – sie lassen sich eben nicht so leicht empirisch überprüfen wie naturwissenschaftliche. Neben klassischen ökonometrischen Untersuchungen mit Beobachtungsdaten haben Feldstudien und Laborexperimente das Arsenal der Ökonomen bereichert. Aber jede empirische Methodik wirft neue Fragen auf, die wieder kontrovers diskutiert werden. Wie rational planen Menschen ihr Leben? Wie vorausschauend agieren sie? Wie leicht lassen sie sich von Regierungen lenken? Und was bedeutet das für die Wirtschaftspolitik? Auch nach vielen Jahren empirischer Forschung stehen die Lehrmeinungen dazu einander unversöhnlich gegenüber.

Jüngstes Indiz dafür: Für ein Buch mit dem auch nicht besonders glücklichen Titel „Economic Ideas You Should Forget“ haben die Herausgeber Bruno Frey und David Iselin 70 Ökonomen eingeladen, jeweils eine ökonomische Idee für vergessenswert zu erklären. Allerdings lassen sich für fast jede dieser Ideen seriöse Ökonomen nennen, die sie eben nicht für falsch, sondern für richtig (oder wenigstens nützlich) halten. Es wäre schon viel erreicht, wenn jede Seite ihre Schwachpunkte erkennen würde. Gefährlich, vielleicht sogar lebensgefährlich, wird es, wenn Dogmatismus dies verhindert.

P.S.: „Wissen hält nicht länger als Fisch“ ist ein Zitat des Mathematikers Alfred North Whitehead, aber man sollte mal aufhören, das aus dem Zusammenhang zu reißen. Whitehead meinte nicht, dass neue Erkenntnisse regelmäßig schon bald widerlegt werden. Sondern: Sie sollten, wie Fisch eben, möglichst frisch an die Studentinnen und Studenten weitergegeben werden.

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„Ohne zu viel verraten zu wollen – worum geht es?“

Der „Campus Passau Blog“ hat einen von uns interviewt, hier ein Auszug:

Ohne zu viel verraten zu wollen – worum geht es?

„Im Zentrum steht eine wissenschaftliche Arbeit, mit der Lester Sternberg die Irrelevanz von Finanzkapital für die wirtschaftliche Entwicklung nachweisen will. Ist dieser Artikel Anlass für die Ermordung seines Doktorvaters Professor van Slyke? Auf seiner Flucht vor einem Mörder und den Profiteuren der Finanzkrise taucht Lester, gemeinsam mit der Studentin Milena, immer tiefer in die ökonomischen Zusammenhänge ein, die den Schlüssel für die Aufklärung des Mordes liefern könnten.“

Und dabei soll der Leser auch etwas über Wirtschaft lernen?

„Allgemein ist es schwer, den Krimi einer bestimmten Richtung zuzuordnen. Er ist makroökonomisch, zwischen einem Sachbuch und der Belletristik einzuordnen. Den Krimi soll jeder, auch ohne Vorwissen, verstehen können und gleichzeitig Studierende für die Wirtschaft begeistern.“

Das ganze Interview (unter der Überschrift „Ich hätte nicht gedacht, dass die Beschreibung einer Nase so schwierig sein kann“) kann man hier nachlesen.

Das Buch ist erschienen

Als eBook gab es Geldgerinnung schon ein paar Tage länger, aber schöner ist es doch, die gedruckte Ausgabe in den Händen zu halten. Wir freuen uns über Feedback und auch über Werbung – weil die ja schon sein muss bei 600 Krimis, die pro Jahr auf den Markt kommen. Drei prominente Ökonomen werben für unser Buch auf der Bückseite der gedruckten Ausgabe, einer an dieser Stelle, nämlich Justus Haucap, Direktor Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission:
„Die Rettung systemrelevanter Banken –- kaum eine Politik wurde kontroverser diskutiert als diese. Die Autoren verstehen es, daraus eine fesselnde Kriminalgeschichte zu machen.“

Endspurt

Erste Ideen zum Schreiben dieses Buches hatten wir etwa im Jahr 2010. Die wirtschaftlichen Turbulenzen, die seit 2008 anhielten, weckten unsere kriminalistische Phantasie. Der Mord und das Motiv standen am Anfang, aber der Mörder musste noch Gestalt annehmen, unser armer Held brauchte Mitstreiter… und wir Autoren haben ja noch einen bürgerlichen Beruf. Nun ja, das Thema hat seine Aktualität nicht verloren in den Jahren des Schreibens und Überarbeitens, der gemeinsamen Sitzungen in Kassel, Berlin, Passau, Frankfurt oder Hilders in der Rhön. Und jetzt sitzen wir über den Druckfahnen unserer Mischung aus Krimi, ökonomischer Theorie, Finanzkrise und Campus-Roman und freuen uns über die tolle Gestaltung durch unseren Verlag UVK.